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Wissenschaftsgesellschaft und Bildung
2010 jährt sich der 200. Geburtstag einer Universitätsidee, der sich nicht nur die Berliner Wissenschaftslandschaft, sondern Hochschulen weltweit verpflichtet wissen. Hinter dieser damals revolutionären Idee stand die Überlegung Humboldts und seiner gelehrten Kollegen, dass es Aufgabe der Universität sein müsse, Menschen nicht nur für einen Beruf auszubilden, sondern Menschen zu Menschen zu bilden.
Als Orte der Menschenbildung kommt den Universitäten demnach eine Schlüsselrolle für die Entwicklung der Gesellschaft zu: Mithilfe der Wissenschaft wird ein Bildungsprozess initiiert, bei dem der Einzelne die Fähigkeit ausbildet, sich die Welt anzueignen und auf diese Weise mit Verantwortung für das Ganze der Menschheit zu übernehmen.
Die Globalisierung mit ihrer Tendenz zur räumlichen Öffnung aller Regionen erfordert heute die internationale Vernetzung und weltweite Kooperation von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern – sowohl als Garant weiterer Forschungserfolge als auch als Beitrag zur Orientierung und Verständigung von Weltbürgern. Die Kunst der Forschung besteht zudem darin, ihre Untersuchungsgegenstände stetig weiter zu vertiefen und damit immer wieder neu zu schöpfen. Angesichts immer komplexer werdender globaler Fragestellungen darf exzellente Wissenschaft heute nicht mehr nur innerhalb von Fachbereichsgrenzen stattfinden. Auf internationalem Niveau muss sie interdisziplinär geleistet werden.
Auf die demografische Entwicklung und die ständigen Veränderungen von Arbeits- und Beschäftigungsformen können wir nur antworten, wenn individuelle Lernprozesse gestärkt werden und es gelingt, Lernende entsprechend ihren Kompetenzen unabhängig von der sozialen oder ethnischen Herkunft optimal zu fördern. Dazu gehört es auch, dass der Einzelne in allen Lebensphasen mehr Eigenverantwortung für seine Lernbiografie übernimmt. Eine gute Voraussetzung dafür, auch im Erwachsenenleben verstärkt Bildungsangebote anzunehmen, ist die anhaltende Aufstiegsbereitschaft in unserer Gesellschaft.
Diesen Herausforderungen kann unsere Gesellschaft nur dann mit Weitblick und Weltblick begegnen, so war schon 1810 die Überlegung, wenn Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wie Studierende Wissenschaft in Unabhängigkeit und Freiheit betreiben können. Deshalb kommt es darauf an, dass eine zukunftsorientierte Bildungspolitik langfristig ein leistungsstarkes und bedarfsgerechtes Bildungssystem garantieren kann. Berlin muss mit der Leistungsfähigkeit und Vielfalt seiner wissenschaftlichen Institutionen auch in Zukunft eines bleiben: Hauptstadt für die Wissenschaft.
Univ.-Prof. Dr. Dieter Lenzen,
Präsident der Freien Universität Berlin



