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Sprachen und Kommunikation
Fremde Sprachen - In einem Land, dessen Sprache man nicht spricht, verliert man nicht nur die Fähigkeit, mit anderen Menschen zu kommunizieren, es fällt auch schwer, sich zu orientieren. Die Hürden vergrößern sich, wenn dort ein anderes Alphabet oder eine andere Schrift benutzt wird; dann hilft selbst das Wörterbuch nicht. Umgekehrt eröffnet sich mit dem Erlernen der fremden Sprache der Zugang zur fremden Kultur. Auf der Spur der Klänge, Worte und Redeweise lernen wir eine andere Welt kennen, eine andere Weise zu reden, denken und fühlen, - auch eine andere Art zu schweigen. Worüber gesprochen wird und was unausgesprochen bleibt, das kann sehr verschieden sein, - es verrät viel über Gebräuche, Sozialstrukturen und Tabus.
Übersetzung - Auch wer Fremdsprachen beherrscht, ist vor Missverständnissen nicht sicher. Davon wissen die Übersetzer ein Lied zu singen. Mit der Übersetzung geht etwas vom Sinn- und Gefühlsgehalt verloren, während durch das übersetzte Wort andere, neue Nuancen und Assoziationen hinzukommen. Je komplexer und vielschichtiger ein Text ist, umso so größer die Differenz. Denn die Sprache ist kein einfaches Informations- und Zeichensystem. Die Sprachen haben eine Geschichte, in der etwas von den Zusammenhängen, in denen sie benutzt werden, an den Bedeutungen der Worte, Redewendungen und Metaphern haften bleibt.
Gedächtnis - Sprachen und Schriften sind das Gedächtnis der menschlichen Geschichte ebenso wie der einzelnen Kulturen, mit deren Erschließung und Verständnis etliche Geisteswissenschaften befasst sind: Archäologen, Historiker, Sprach-, Literatur-, Kunst-, Medien- und Kulturwissenschaftler u.a. Das in den überlieferten Zeugnissen aufbewahrten Wissen vergangener und fremder Kulturen schließt unzählige vergessene Erkenntnisse ein, die für die Gestaltung der Zukunft wertvoll sein können.
Lektüre – Lesen und Verstehen bedeutet mehr als decodieren. Texte, aber auch Bilder und andere Ausdrucksformen – der eigenen ebenso wie fremder und vergangener Kulturen – können als Sprache im weiteren Sinne verstanden werden, als Symbolsysteme mit je eigenen Konventionen: Grammatik, Rhetorik, Poetik, Ikonographie u.a. Die Geisteswissenschaften erforschen die historischen Veränderungen und kulturellen Unterschiede derjenigen Praktiken, mit denen Bedeutung und Wissen hergestellt, dargestellt, verbreitet und übertragen werden. Die Methoden zur Lektüre von Texten bilden eine Voraussetzung dafür, um auch andere ‚Sprachen’ zu verstehen: Architektur und Tanz ebenso wie Mode, Kulte und Alltagspraktiken ebenso wie Gesten und Gebärden. Entgegen der naturalistischen These, dass Gesten und Gefühlsausdrücke universell seien, erforschen die Geisteswissenschaften deren kulturspezifische Ausdrucksweisen als eine ungeheuer variationsreiche Sprache.
Homo sapiens - Die Sprache ist ein einzigartiges Vermögen des Menschen. Während Tiere sich durch Laute und Gebärden verständigen können, hat sich die menschliche Sprache von einem Medium der Kommunikation zu einem komplexen System der Mitteilung, Erkenntnis und Selbstreflexion entwickelt: reich an Unterscheidungen und an Verknüpfungen, voller Nuancen, Bilder und Vieldeutigkeiten, - inklusive des Vermögens von Poesie, Ironie und Witz. Insofern stellt die Sprache auch einen exklusiven Zugang zur Erforschung der spezifischen menschlichen Fähigkeiten dar. Während sich die Kognitionswissenschaft aus der Erforschung des Spracherwerbs, der Art und Weise, wie Kinder „spielend“ ein umfangreiches Lexikon und grammatische Regeln erlernen, Einsichten in die Arbeitsweise des Gehirns erhofft, stellt die Sprachentwicklung für die Evolutionsbiologie eine aufschlussreiche Etappe in der Entstehung und Ausdifferenzierung der Primaten dar.
Metaphern des Wissens – Wenn die Forschung in neue unbekannte Felder vordringt, bildet die Sprache oft die Vorhut. So erhielt die Nanotechnologie wesentliche Impulse dadurch, dass man begann, sich auf molekularbiologischer Ebene ‚Kugellager’ vorzustellen. So erhielt der ‚genetische Code’ seinen Namen, noch ehe man seine Arbeitsweise kannte, indem man einen vertrauten Begriff auf die zu erforschende molekularbiologische Funktion übertrug. Insofern eröffnet die Metaphorik der Wissenschaften einen Zugang zum ‚Ungewußten’ des Wissens.
Poiesis - Als Erwin Chargaff 1950 die Regeln für die Kombinatorik der Basenpaare bei der Replikation der DNA entdeckte (A verbindet sich nur mit T, G nur mit C), hatte er das Anagramm aus Goethes „Römischen Elegien“ im Kopf: „Der Prototyp der Verschiedenheit wäre demnach ‚Roma-Amor’ und nicht ‚Roma-Rosa’.
Prof. Dr. Dr. hc Sigrid Weigel,
Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin




