Lebenswelten und Mikrosysteme

Blickt man auf die letzten vierzig Jahre der Entwicklung im Bereich der Lebenswissenschaften zurück, wird man nicht umhin können, von einer wirklichen „Wissensrevolution“ zu sprechen. Dies gilt nicht nur, aber vor allem für den biologisch-medizinischen Bereich, wo die Entwicklung neuer Methoden und die Kombination biologischer sowie mathematisch-physikalischer Erkenntnisse zu einer bis noch vor wenigen Jahrzehnten nicht voraussehbaren Vertiefung und Detaillierung des Wissens geführt hat.

Die Kenntnisse biologischer Mechanismen, beispielsweise im menschlichen Körper, enden nicht auf der Ebene der Organe und Zellen, sondern auf der der innerzellulären Mikro- und Nanostrukturen. Kaskaden biochemischer Reaktionen zwischen Proteinen und einzelnen Molekülen erlauben es heute, Funktionszusammenhänge auf molekular-medizinischer Basis zu erkennen und diese dann diagnostisch und therapeutisch zu werten.

Wir beginnen, Lebensvorgänge auf der Ebene der Interaktion zwischen einzelnen Molekülen – also auf der Mikro- oder Nano-Ebene – zu verstehen und zu beeinflussen: Hierzu gehört die Beschreibung des Aufbaus der Gene und ihrer Gesamtheit im Genom, die Frage, unter welchen Bedingungen Erbgut in biologisch wirksame Moleküle umgesetzt wird und die Zellerneuerung. – All dies hat vielfältige Konsequenzen, die zum Teil erst in Umrissen verstanden und in praktisches Handeln umgesetzt werden. Das bedeutet aber auch, dass die in der Öffentlichkeit so beliebte Diskussion um Gerätemedizin und personale Medizin längst durch die molekulare Medizin und der mit ihr verbundenen neuen Form einer individualisierten Medizin hätte ersetzt werden müssen. Der Spannungsbogen, den es in der Medizin für den Patienten, aber noch mehr für den Arzt zu meistern gilt, ist größer und anspruchsvoller denn je.

Schritthalten mit den Normen und neuen Erkenntnissen in der Pathophysiologie, Diagnostik und präventionellen Therapie von Erkrankungen einerseits und dem nicht geringer gewordenen Bedarf der Patienten nach ganzheitlicher Betrachtung ihres persönlichen Krankheitsschicksals andererseits, sind Herausforderungen, die viel mehr erfordern als eine verbesserte technische und wissenschaftliche Ausbildung der im medizinischen Bereich Tätigen.
Die gleichzeitig hinzutretende Informationsfülle, die einem Patienten heute beispielsweise durch das Internet zur Verfügung steht, macht es für Patienten und Ärzte jedoch keineswegs leichter, Klarheit über die Krankheitssituation zu erhalten. Das frei zugängliche Informationsangebot – so wünschenswert es für den aufgeklärten Patienten sein mag – ist zugleich auch eine Quelle großer Verängstigung und Verunsicherung. So verstanden ist Patientenaufklärung nicht mehr alleinige Aufgabe des Arztes, sondern sie wird quasi zu einer Integrationsleistung von vielen verschiedenen, dem Patienten zugänglichen Informationen.

Aber zurück zur molekularen Medizin: Die Tatsache, dass wir bereits heute unser individuelles Genom bestimmen lassen können, wird nicht nur zu ganz neuen Möglichkeiten frühzeitiger, individuell abgestimmter Krankheitsprävention, sondern auch zu einer neuen Chancen-Risiko-Abwägung führen. Die Tatsache, dass wir Organ- und Zellfunktionen heute beziehungsweise in naher Zukunft im Bereich der regenerativen Medizin wiederherstellen können, ist ein Ergebnis dieser großartigen Entwicklung in den Biowissenschaften.

So, wie zu Zeiten Virchows und Kochs Erkenntnisse der Mikrobiologie bzw. der Infektiologie zu Umwälzungen im gesamten medizinischen System geführt haben, so wird auch die molekulare Medizin nicht nur Veränderungen in der medizinischen Ausbildung nach sich ziehen, sondern auch nachhaltig Krankenhausabläufe und -strukturen verändern. – Ein Prozess, der uns nach meiner Auffassung noch in seiner Gänze bevorsteht. Die bestehenden Krebserkrankungen, das Aufkommen neuer Infektionskrankheiten, die starke Zunahme chronischer und degenerativer Erkrankungen des Herz-Kreislaufssystems, des Bewegungsapparates, aber auch des Gehirns – all dies lässt sich nur mit modernsten biomedizinischen Methoden verbessern, verhindern oder letztlich kurieren. Das immer weitere Vordringen in den Mikro- und Nanobereich unseres Lebens lässt sich gleichwohl nur verwirklichen, wenn wir gleichzeitig ein neues Verständnis für die Gesamtbefindlichkeit des Individuums und für die Notwendigkeit, die es in größeren Gemeinschaften gibt, entwickeln.

Prof. Dr. Dr. h. c. Günter Stock,
Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften