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Kulturen und Gesellschaften
Kulturen und Gesellschaften – gibt es etwa mehrere Kulturen und Gesellschaften in Berlin? Die gefürchteten Parallelgesellschaften etwa, verarmte Migranten im Wedding, die von der Teilnahme an Berlins reichem Kulturleben ausgeschlossen sind? Ja, das gibt es in Berlin und dankenswerterweise wird an vielen Stellen daran gearbeitet, solche Parallelgesellschaften aufzulösen, ich denke beispielsweise an das spannende Programm des Quartiersmanagements in verschiedenen Problembezirken. Plural kann schwierig sein. Plural kann aber auch Reichtum signalisieren: Es gibt glücklicherweise zunächst einmal auch sehr unterschiedliche Kulturen und das ist unbestrittenermaßen ein großer Reichtum dieser Stadt, selbst wenn noch einige Finanzpolitiker davon überzeugt werden müssen.
Das Paradebeispiel für diesen Reichtum findet sich immer mal wieder in den Zeitungen: Schon die Kulturen, die sich in den drei Opernhäusern der Stadt präsentieren und versammeln, sind ganz unterschiedlich. Aber natürlich bleibt die Vielfalt von Kulturen (Plural) nicht auf die Oper beschränkt und vielleicht noch auf das Theater: Wenn man den Vortragssaal des Berliner Wissenschaftskollegs betritt und eine führende amerikanische Verfassungsjuristin zu Fragen der vergleichenden Verfassungsforschung hört, trifft man eine ganz andere Wissenschaftskultur als im Akademischen Senatssitzungssaal der Humboldt-Universität bei einem Symposium zum zwanzigjährigen Jubiläum der Genderstudies an dieser Einrichtung. Wir haben in Berlin das „Haus der Kulturen der Welt“, aber in jeder wissenschaftlichen Einrichtung und in fast allen Betrieben und Firmen Berlins finden wir internationale Mitarbeiter und verschiedene Kulturen, fast immer im produktiven, friedlichen Miteinander.
Wie systematisiert man aber den Reichtum der Berliner Wissenschaftskulturen? Gibt es noch unterschiedliche Wissenschaftskulturen in Ost und West, also eine gleichsam historische Fundamentierung des gelegentlich in den Zeitungen etwas lärmig inszenierten Wettbewerbs der im Osten gelegenen Humboldt-Universität und der im Westen gelegenen Freien Universität? Gemeint ist ja bei der Frage nicht, dass Sekretärinnen, die aus dem Osten stammen, nach aller Erfahrung früher aufstehen als ihre westlichen Kolleginnen. Marxistische Grundschulung haben beispielsweise auch die kurz vor der Emeritierung stehenden westlichen Kollegen und 1968 gab es auch im Osten eine Hochschulreform.
Ich denke, um einmal doch eine Antwort zu versuchen, dass die unterschiedlichen Ost- und Westbiographien durchaus zu einem gewichtigen Teil die unterschiedlichen Wissenschaftskulturen in Berlin prägen, aber man diese natürlich nicht monokausal auf diesen einen Grund allein zurückführen darf: Natur- und Geisteswissenschaften, Universitäten und außeruniversitäre Institute, politik- und industrienahe Forschung und distante Grundlagenforschung – das sind alles sehr unterschiedliche Kulturen und das besonders spannende an Berlin sind die Orte, wo diese unterschiedlichen Kulturen aufeinandertreffen, miteinander arbeiten oder auch streiten und verhindern, dass man seine Zeit damit verbringt, in Parallelgesellschaften auseinander zu diffundieren, sondern die Zeit eher dazu nutzt, solche zu studieren.
Prof. Dr. Dr.h.c. Christoph Markschies,
Präsident der Humboldt-Universität zu Berlin



