Energie und Umwelt

1,5 Watt – das scheint nicht viel zu sein. Eine Glühbirne dieser Leistung bringt gerade Dämmerlicht zustande, mit einer Leuchtdiode würde es schon etwa doppelt so hell. Überwältigend – im doppelten Sinne – sind dagegen die langfristigen Auswirkungen der gut 1,5 Watt pro Quadratmeter, um welche der Strahlungsantrieb der Sonne seit vorindustrieller Zeit zugenommen hat.

Durch menschliche Aktivitäten – insbesondere die Verbrennung von Kohle, Erdöl und Gas zur Energiegewinnung sowie die hemmungslose Rodung von Wäldern – wurden in den letzten Jahrhunderten große Mengen Treibhausgase in der Erdatmosphäre deponiert. Die Konzentration von Kohlendioxid (CO2) liegt bereits mehr als ein Drittel über dem vorindustriellen Niveau und damit höher als irgendwann in den letzten 15 Millionen Jahren Erdgeschichte! CO2 und weitere klimawirksame Gase aus zivilisatorischen Quellen halten, vereinfacht gesprochen, immer mehr Sonnenwärme in der Atmosphäre zurück und verstärken den natürlichen Treibhauseffekt. Im 20. Jahrhundert ist die globale Durchschnittstemperatur daher bereits um etwa 0,8 Grad Celsius angestiegen.

Dies ist das Dilemma der Menschheit im 21. Jahrhundert: Die heutige Form der Rohstoff- und Landnutzung, welche mittelfristig Grundlage einer rasanten Wohlstandsentwicklung war, trägt längerfristig ein riesiges Potential zur Zerstörung eben dieses Wohlstandes in sich. Denn ungebremster Klimawandel würde die Lebensbedingungen auf der Erde grundlegend verändern. Es ist unwahrscheinlich, dass unsere Zivilisation, die seit dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 10.000 Jahren in einer paradiesisch stabilen Phase der wechselhaften Klimageschichte entstanden ist, solchen Veränderungen standhalten könnte.

Im Bereich der Erdsystemforschung und der Nachhaltigkeitswissenschaft wurden in den vergangenen Jahrzehnten jedoch große Fortschritte erzielt. Dadurch beginnen wir die Grenzen des sicheren planetarischen Umweltraums zu verstehen, in dem wir leben und wirtschaften können, ohne die Lebensgrundlagen künftiger Generationen zu vernichten. Das „Geonautenzeitalter“ ist angebrochen…

Der Lösungsansatz für die Klimaproblematik lässt sich leicht formulieren (und umso schwerer umsetzen): Es gilt die Emissionen von Treibhausgasen innerhalb dieses Jahrhunderts auf Null zu senken. Doch welches sind die Technologien, die in allen relevanten Bereichen wirtschaftliches Wachstum von der nicht-nachhaltigen Nutzung endlicher Ressourcen entkoppeln? Und wie kann sichergestellt werden, dass nicht nur ein kleiner Teil der anschwellenden Weltbevölkerung diese Wende zur Nachhaltigkeit vollzieht?

Begabte junge Forscherinnen und Forscher können noch rechtzeitig die kognitive Basis für die notwendige „Große Transformation“ unseres industriellen Metabolismus schaffen. Die Wissenschaftslandschaft Berlin/Brandenburg bietet mit ihren zahlreichen Instituten – etwa dem Geoforschungszentrum Potsdam, der Technischen Universität Berlin und dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung – ein entsprechendes intellektuelles Glacis, das zur Zeit um das Exzellenzinstitut für Nachhaltigkeitsforschung in Potsdam bereichert wird.

Die Nachhaltigkeitskrise ist die entscheidende Herausforderung der Menschheit in diesem Jahrhundert. Sie wird uns riesige Anstrengungen abverlangen, aber möglicherweise auch den Übergang zu einer stabileren und gerechteren Weltgesellschaft einleiten – wenn wir viel Glück und Verstand haben.

Professor Hans Joachim Schellnhuber CBE
Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Direktor